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Wenn die Marktradikalen zum Pinsel greifen

Nach den Murals No Justice No Peace und Freiheit stirbt mit Sicherheit, entstand im September 2015 ein weiteres Graffiti-Wandbild am ehemaligen Polizeigefängnis und Abschiebetrakt „Klapperfeld“. In diesem werden die aus der Serie „The Simpsons“ bekannte Figur Chief Wiggum und die Zeile Niemand muss Bulle sein aus dem Song „Wut“ von der Band „Feine Sahne Fischfilet“ verknüpft.

Geschwärzte Textzeile beim Graffiti am Klapperfeld
Juni 2018

Im September 2017 waren zwei dieser drei Graffiti, aber besonders das mit der „Niemand muss Bulle sein“-Zeile, Thema in der Frankfurter Stadtverordentenversammlung. Wofür sich anfangs, abgesehen von ein paar Fotofuzzis (yeah, count me in), kaum jemand interessierte und noch weniger irgendwen störte, sah die FDP plötzlich Handlungsbedarf. Von „künstlerisch zweifelhaften Malereien“ an einem “denkmalgeschützen Gebäude“ war die Rede. Das Thema kam auf, nachdem man sich in Frankfurt bereits an einer Front mit journalismusähnlichen Texten am Café ExZess in Bockenheim abarbeitete und die Politik eine weitere Front an der Au in Rödelheim eröffnete. Sich in diesen Zeiten, in denen immer mehr alte weiße Männer, verbitterte Alt-Linke und hässlich frisierte junge Kanaillen den AfD-Konsorten Zulauf bescheren, an solchen Kulturzentren abzuarbeiten, kann man natürlich machen, aber dann ist mal halt scheiße, egal ob aus Dummheit oder aus Bosheit.

Textlücke am Klapperfled-Graffiti nach Schwärzung wieder mit Wort ergänzt
August 2018

Obwohl es ursprünglich hieß, dass SPD-Dezernent Mike Josef das Wandbild wegen Denkmalschutz beseitigen lassen wollte, passierte nichts. Das zuständige Kulturdezernat verwies darauf, dass es im Kulturausschuss des Stadtparlaments dafür keine Mehrheit gegeben habe.

Im Juni 2018 hat dann irgendjemand das Wort „Bulle“ übermalt bzw. geschwärzt. Und das blieb zunächst auch so. Niemand füllte die Lücke wieder aus, mit welchem Wort auch immer. Dieser Zustand hielt rund zwei Monate. Im August war der „Bulle“ dann wieder Teil des Wandbildes. Und nochmals zwei Monte später, am 11. Oktober 2018, wurde der „Bulle“ mit dem Wort „radikal“ ersetzt und die Pistole von Chief Wiggum mit einem Herz übermalt.

Niemand muss radikal sein

Niemand muss radikal sein

Jetzt lautet der Spruch also „Niemand muss radikal sein“. Am Werk war kein Geringerer als Frankfurts neue Graffiti-Crew: Die FDP. Ein Video von der Aktion gibt es auch:

Direktlink

Mitten im Wahlkampf wollte man sich öffentlichkeitswirksam als polizeifreundliche Partei präsentieren. Recht und Ordnung und so. Warum auch nicht? Auf manchen Wahlplakaten präsentierte sich deren Spitzenkandidat René Rock mit Slogans wie „Was zählt ist das Gesetz des Staates. Nicht das der Straße“. Andererseits konnte man vor noch gar nicht allzu langer Zeit den Eindruck gewinnen, dass die Polizei lediglich instrumentalisiert wird, denn Frankfurter CDU und FDP wollten das Gebäude mit einem Verkauf an das Land eigentlich zu Geld machen.

FDP-Wahlplakat mit René Rock
„Gesetz des Staates“ – „das der Straße“ 0:1

Mal abgesehen von der rechtlichen und politischen Komponente: Die FDP begibt sich nun ganz aktiv in eine Reihe mit Kulturfeinden, die entweder mit der Ambivalenz von Kunstwerken überfordert sind oder nur das darin sehen wollen, was sich zu eigenen Zwecken instrumentalisieren lässt.

Fakt ist: Ob anhaltende Diskussionen um das Graffiti am Klapperfeld, kritische Worte des Polizeipräsidenten zu einer Kunstaktion mit einen Polizeiwagen im Bahnhofsviertel, zerstörte Tafeln jüdischer Sportler_innen auf dem Rathenauplatz, das zerstörte Ayan Kurdi-Mural am Osthafen oder der Diebstahl des Eintracht-Männchen in der Altstadt, bei der sich die Stadt (!) das Einverständnis des Künstlers nachträglich holte – Kunst im öffentlichen Raum in Frankfurt hat es nicht leicht. In anderen Teilen Deutschlands sieht es aber auch nicht viel besser aus, siehe die Erdogan-Statue in Wiesbaden, das Avenidas-Gedicht in Berlin, das Gold-Haus an der Veddel in Hamburg, der Vandalismus an Skulpturen in Münster usw. Aber wehe wenn woanders in der Welt Kulturgüter zerstört werden oder Street-Art prominenter Graffitikünstler abgegriffen werden, da ist das Geschrei immer groß.

Mal sehen, wie die Aktion der FDP-Crew weitergeht…

8 Kommentare zu “Wenn die Marktradikalen zum Pinsel greifen

  1. Kannst du als Graffiti-Fotofuzzi sagen, ob man andere Grafitis übermalen darf?
    Ich hätte das nach relativ neuer Rechtsprechung für eine Sachbeschädigung gehalten und würde meinen, dass man dieses anzeigen kann und muss, wenn man davon ausginge, dass das Gesetz gelten würde…

    • stadtkindFFM

      Gemessen am „Gesetz des Staates“ lautet die Antwort wohl nein. Wurde in Berlin vor nicht allzu langer Zeit sogar diese ältere Frau verurteilt, die Nazischmierereien abänderte oder unkenntlich machte? Gemessen an „das der Straße“, wären wohl einige Dinge zu beachten, wie ich in der kürzlich erfolgten Diskussion rund um die Niddapark-Wall gelernt habe. Mit anderen Worten: Ich weiß es nicht, bin aber auch kein „Graffiti-Fotofuzzi“, sondern ein Frankfurt-Fotofuzzi.

  2. ScheissFDP

    Bin sprachlos die FDP ist einfach widerlich!
    Mal sehen wie das Echo für die FDP ausfällt.

    P.s: Halts mal @Hood – der einzige Fuzzi bist du!

    • stadtkindFFM

      Jessica Purkhardt von den Grünen sagte am 21. Juni 2018 in der Stadtverordnetenversammlung anlässlich des Topos Klapperfeld-Graffiti: „Diese Debatten in diesem Saal haben gezeigt, dass die Niveauunterschreitungen in der politischen Debatte nicht selten erheblicher sind, als die vorangegangenen künstlerischen“. Mit dieser Aktion hat die FDP das Niveau noch mal ein weiteres Stückchen nach unten verschoben, finde ich. Ein eigenes Werk, legale Flächen dafür gibt es ja in Frankfurt, hätte die eigene Position meines Erachtens wesentlich glaubwürdiger erscheinen lassen, als am Klapperfeld tätig zu werden, wo Leute ehrenamtlich die Vergangenheit des Gebäudes aufarbeiten und ausstellen. Aber wer weiß, bei welcher Klientel man damit punkten will.

      Wegen dem „Fuzzi“: Ich hab mich im Beitrag selbst so bezeichnet, nur die Einschränkung durch den Zusatz „Graffiti“ ist schlichtweg falsch.

  3. ScheissFDP

    Eigentlich müsste man Anzeige gegen die Frau erstatten die das Bild verschandelt hat!
    Gegen jeden würde unsere ach so geschätzte Polizei ermitteln – wegen jedem Fliegenschiss machen die das – aber jetzt wo es denen in die Karten spielt halten die den Ball flach.

    Stichpunkt: low performer!

    Bullen eben! Zu Radikal?

  4. In Zeiten grassierenden Rassismud und Rechrtspopulismus, mit Strategien der Identitären Bewegung gegen „die Linke“ als Feindbild Hetzen. Das Stellt die FDP in die Reihe des Rechtspopulistischen gesellschaftlichen Diskurs! Die sollten sich schämen das Wort „freiheitlich“ in ihrem Parteinahmen zu tragen. Die FDP ist ein billiger haufen neoliberaler Sozialdarwinisten die ihr Fähnchen nach dem Wind richten und nach unten treten!

    • stadtkindFFM

      Ja, schon ein lustiger Haufen, der da unter Lindner zum Vorschein kommt. Erst bundespolitisch sich aus der Verantwortung stehlen und hier in Frankfurt auf den von ihnen selbst eingebrachten Denkmalschutz scheißen und selbst zur Tat schreiten. Das Aushalten von anderen Positionen, hier in Form eines Zitats, das genauso wenig wie der Song selbst verboten ist, scheint für die FDP zu viel des Guten zu sein.

  5. Wie lange die auch an den Buchstaben rummalen müssen, um ein bisschen Videozeit vollzukriegen. Das zeigt schon mal, dass das keine Kunst, sondern Wahlwerbung ist. Und dafür denkmalgeschützte Fassade beschmieren? Oder ein Kunstwerk zerstören? Nur, weil die angestoßene Diskussion nicht das gebracht hat, was sich die FDP wünscht? „Gesetz der Straße“ as its best? Wie freiheitlich und liberal!
    Zumindest im Ergebnis eine schlüssige Darstellung, warum die FDP nicht gebraucht wird.

    Niemand muss FDP wählen!

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