Frankfurt, Berger Straße: Keine Gastronomie erwüschtNachdem auf der Berger Straße erneut ein Geschäft geschlossen hatte, wurde im Schaufenster ein Aushang angebracht. Darauf warb der*die Eigentümer*in für die Neuvermietung des Ladenlokals und machte zugleich eine Einschränkung deutlich: „Keine Gastronomie erwünscht.“ Wow. Endlich. Da liegt jemandem noch etwas an der Berger Straße und nicht nur am eigenen Objekt, da ist noch jemand, der*die genug hat von zehn Neueröffnungen und ebenso vielen Schließungen pro Quartal, bei denen zudem überwiegend Geschäfte durch Gastronomie ersetzt werden. Dachte ich. Hoffte ich. Eröffnet hat dort nun eine Filiale der Kaffee-Kette LAP. Jetzt frage ich mich, ob der ursprünglich kommunizierte Ausschluss von Gastronomie womöglich nur dazu gedient haben könnte, um den Preis in die Höhe zu treiben.

Von der Existenz LAPs erfuhr ich bereits im Sommer vergangenen Jahres in einem Podcast mit dem ehemaligen VIVA-Moderator Nils („Nilz“) Bokelberg. Damals ging es um Berlin und – stark vereinfacht – darum, dass die günstigen Kaffeegetränke von LAP Preisdruck auf andere Cafés ausüben könnten, diese dadurch nach und nach verschwinden und LAP dann quasi alles übernehmen würde, zumal bei LAP auch Investoren beteiligt sind. Das Wirtschaftsmagazin Surplus schrieb im August 2025 hierzu: „LAP mag in Berlin entstanden sein – allerdings mit viel Geld von internationalen Geldgebern. Gegründet haben LAP die in der Startup-Szene bekannten Ralph Hage und Tonalli Arreola. Vorige Stationen der beiden waren unter anderem die Lieferdienst-Startups Flink …“ Ich bin sofort zu meinem Kleiderschrank gelaufen und habe nach meinem Che-Guevara-T-Shirt gesucht, da fiel mir ein, dass ich gar keine 16 mehr bin.

Aufkleber, gesehen in Frankfurt-Bornheim: Die schlechteste Berger STraße aller ZeitenWenn Haushaltswarengeschäfte, Modeboutiquen, Schreibwarenläden verschwinden und dafür drölfzig Cafés, Chicken-, Döner- und Steak-Restaurants, „Asiaten“ und Pizzerien eröffnen, stört das die meisten nicht. Das gilt als unvermeidlicher Strukturwandel und nicht etwa als Folge davon, dass, obwohl man sowas von zentral wohnt, alles konsequent im Internet bestellt wird. Aber wehe, es könnten „unsere“ Cafés betroffen sein!1!11!!! Liveschalte des Hessischen Rundfunks in 3, 2, 1 … Dabei will LAP, das in Berlin schon mit Farbbeuteln beworfen wurde, nicht einfach nur ein Café, sondern „ein Ort für Gemeinschaft – beziehungsweise »Community« – sein“. Also genau wie das Café Bunca, das vor etwas mehr als einem Jahr nur wenige Meter entfernt eröffnet wurde und, laut einem Artikel der Frankfurter Rundschau vom Februar 2024, sich ebenfalls als „mehr als nur ein Café“ und „Treffpunkt zum Verweilen“ versteht. Also nichts für mich. Ich will einfach nur ein Produkt kaufen oder eine Dienstleistung in Anspruch nehmen, und mir sind Individuen grundsätzlich suspekt, die sich in eine wie auch immer definierte Gemeinschaft einreihen wollen und denen es nach Zugehörigkeit und Anerkennung dürstet. Bisher dachte ich dabei allerdings an Loser-Themen wie Nation, Religion oder Fußball. Jetzt offenbar also auch Cafés – beziehungsweise das, was man heutzutage darunter versteht: möchtegern-minimalistisch eingerichtete Buden mit nur bedingt gemütlichen Sitzmöglichkeiten in Fensternischen, auf schmalsten Sitzbänken ohne Rückenlehne und, wenn es ganz schlimm läuft, Stehtischtonnen und Liegestühlen, was insgesamt eine gewisse Segregation zugunsten eines jungen und jung gebliebenen Publikums begünstigt und somit leider bestens zum Niedergang zur Entwicklung der Berger Straße passt, wo man – ausgenommen in der Nähe von Häusern mit Arztpraxen sowie in Filialen der Bäckerei Eifler – kaum noch alte Menschen sieht. Die durch Außengastronomie verursachten Engstellen sind längst nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel und nervig für alle, die hier leben und eben nicht nur „mal auf der Berger ausgehen“. Für letztere ist die Straße Flaniermeile, für erstere täglicher Hindernisparcours.

Werden Leute mit angewachsenem Wollmützchen und einem flaumartigen Etwas zwischen Nase und Mund, die ohne mit der Wimper zu zucken fünf Euro für ein Kaffeegetränk zahlen und sich eine Kassette über dessen Herkunft ins Ohr schieben lassen, dem bisherigen Café treu bleiben oder zu LAP wechseln und damit, wie die Wirtschaftszeitschrift Capital im September 2025 fragte, zum „Ende für teure Hipster-Cafés“ beitragen? Ich kann es mir irgendwie nicht vorstellen, aber wenn es nur Hipsterbuden betrifft, ist es mir sowieso egal. Vermeintlich problematische Läden sind das eine, funktionieren tun sie aber nur mit genug Wankern, die das Spiel mitspielen. Ist eigentlich bekannt, ob irgendwo auch nur ein einziges Café wegen LAP geschlossen hat?

Zu guter Letzt ein Blick auf die Preise, die bei LAP durch Faktoren wie kleine Läden, niedrige Mieten, Vollautomaten statt Siebträgermaschinen und niedrige Personalkosten möglich sein sollen.

  • Espresso: 1,50 EUR
  • Americano: 2 EUR
  • Filter, Cappuccino: 2,50 EUR
  • Latte, Flat White, Cold Brew: 3 EUR

Unterschiedliche Tassengrößen, Kaffeequalität und Art der verwendeten Maschinen mal außen vor gelassen – hier einfach nur ein Blick auf einige Preise von anderen Locations in der Berger Straße:

  • Pizzeria Dick & Doof: Espresso 0,50 EUR, Doppio 2 EUR
  • Bäckerei Eifler: Cappuccino 2,75 EUR, Milchkaffee 2,75 EUR
  • Wacker’s Kaffee: Cappuccino (kl.) 3,50 EUR/ (gr.) 4,20 EUR, Espresso 2 EUR
  • Plaudertasse: Cappuccino 3,90 EUR, Americano 2,90 EUR
  • Blanca: Cappuccino 4 EUR, Americano 3,90 EUR
In einer U-Bahn in Frankfurt sitzend. Die eine Hälfte des Fotos zeigt das Innere des Waggons, die andere Hälfte dessen Spiegelung an der Fensterscheibe.
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