Die Stadt als Feind

Zum Ende des Jahres ist in Frankfurt die Schließung des Dreikönigskellers (1987-2015) in Sachsenhausen angekündigt. Gleiches gilt für die Video City im Sandweg (?-2015) und besiegelt ist wohl auch das Ende der 1956 errichteten Villa Schubert. Bereits vor einigen Tagen strich die Konditorei Hollhorst (1930 -2015) am Römerberg ihre Segel, und nur wenige Meter davon entfernt, auf dem Paulsplatz, auch das Ristorante Raffaello (1983-2015), welches durch einen – juhu! – weiteren Burgerladen ersetzt wurde. Das durch die – wievielte Sisha Bar eigentlich? – ersetzte türkische Restaurant Manolya (1992-2013) in der Habsburger Allee vermisse ich heute noch, und an das Café Schneider (1950-2011) in der Innenstadt verschwende ich ab und an auch noch einen Gedanken. Jemand anderes würde an dieser Stelle vermutlich andere Namen, andere Läden nennen, vielleicht den Kiosk im Oeder Weg (1933-2015), der demnächst schließt oder die Bäckerei Gehlfuß (1998-2014), denn in Frankfurt macht ständig etwas zu, jedem hier schlagen sich Türen von über die Jahre liebgewonnen Läden ein letztes Mal vor der Nase zu. Was die meisten der hier genannten Beispiele gemeinsam haben ist, dass sie den künftigen finanziellen Forderungen nicht mehr entsprechen können, zu heftig offenbar die Mieterhöhungen, um an selber Stelle wie bisher weitwerzumachen, und nur den wenigsten Betrieben gelingt an anderer Stelle im selben Kiez ein Neuanfang, wie z.B. das ehemalige Klabunt und heutige Henscheid.

Doch auch jenseits all dieser oder anderer kleineren Läden, die oftmals mehr Bindung und Nähe zu vielen Teilen der Bürger*innen herstellen, als all die Investorenarchitektur und städtischen Bespaßungslocations, verabschiedet sich Frankfurt von weiteren Teilen seiner Vergangenheit. Für die 1992 eröffnete Zeilgalerie kommt das Ende wohl 2016, der Übergabezeitpunkt der seit 1865 bestehenden Galopprennbahn ist ebenfalls für das nächste Jahr vorgesehen, damit dort bis 2018 das Leistungzentrum des DFB gebaut werden kann. In den vergangenen Jahren bereits dem Erdboden gleichgemacht wurden in Frankfurt z.B. der Turm Palast (1950-2013), die (alte) Oberfinanzdirektion (1955 – 2014), das Royal Kino (1957-2003), der Henninger Turm (1961-2013), das Sudfass (1971-2014), der AfE-Turm (1972-2014), das Technisches Rathaus (1974-2010) oder auch die (alte) Batschkapp (1976-2014).

In Kreisen von Investoren und Stadtpolitik wird eine derartige Entwicklung vermutlich mit „Frankfurt erfindet sich neu“, „Frankfurt verändert sein Gesicht“ oder „Die Weichen für die Zukunft stellen“ schöngeredet und die meisten Medienpartner der Stadt Frankfurt fungieren dabei als publizistischer Arm der Gentrifizierung und feiern, zwischen gelegentlich eingestreuten Krokodilstränen, regelmäßig alles ab, wenn es sein muss auch mit neuen Stadtteilmagazinen, Hauptsache mal wieder eine neue Bar, Off-Space-Location, neues Cafe oder Pop-Up-Store, eine dauerhaft kritische Auseinandersetzung zur Stadt(entwicklung) sucht man jedenfalls vergebens.

Finden tut man dagegen immer mehr als Bonzen, Yuppies, Ruhe-Terroristen und Hipster, die endlich mal „Stadt erleben“ wollen. Entweder gemäßigt, Motto: Bis 24 Uhr noch im REWE einkaufen ist supi, aber nach 22 Uhr – egal ob unter der Woche oder am Wochenende – draußen vor einem Lokal stehen und ein Bierchen trinken, muss nicht unbedingt sein. Das andere beliebte Motto: Eskalation. Leute, die ohne Rücksicht auf Folgen für ein Event (z.B. Friedberger Markt) oder einer Location (z.B. Yok Yok) zusammenkommen und feiern mit sich daneben benehmen verwechseln und somit der Ausgehkultur in Frankfurt – mal abgesehen davon, dass sich die Stadt Frankfurt generell mal etwas locker machen sollte – einen Bärendienst erweisen und zu Maßnahmen zu einer noch ruhigeren und langweiligeren Abendgestaltung beitragen.

Am Ende all dieser Entwicklungen wird dann vermutlich noch mehr die supa-dupa Skyline in den Mittelpunkt gerückt und den Bürgern dieser Stadt dieses Standortes als identitätsstiftend serviert, um im Wettbewerb der Städte, der heutzutage ja für alles herhalten muss, nicht ganz so austauschbar daherzukommen, wie es heute schon die allermeisten Einkaufstraßen großer Städte in Deutschland sind.

9 Kommentare zu “Die Stadt als Feind

  1. Leider ist Frankfurt schon lange mit anderen Städten austauschbar.
    Die Innenstadt könnte auch in Paderborn oder Braunschweig sein.
    Ödnis pur!

  2. Starker Beitrag, danke dafür! Gibt genau meine Gedanken wieder nachdem ich von den Einschränkungen gelesen habe, mit denen das Yok Yok jetzt zu kämpfen hat. Ab 22 Uhr dicht. Im Bahnhofsviertel? WTF? „Hallo, ich finde das „bhfsvrtl“ (warum überhaupt so?) ja echt supi und ziehe da jetzt auch mal hin, aber um 22 Uhr würde ich schon gerne Heia machen – Bussi“.

  3. Super Beitrag.
    Das Bahnbüro auf der Berger ist auch einfach fott, wobei mich mehr stört, dass der Automat weg ist.
    Etwas positiver finde ich, dass der Bäcker Huck aus Rödelheim in Bockenheim (Adalberstr./Leipziger) am 25.10.2015 einen Laden eröffnet.

  4. Toller Beitrag. Durch deine Auflistung wird einem wieder mal bewusst, wie Kindheit und Jugend verschwindet. Das wäre ja nicht tragisch, wenn das Neue Allgemeinverträglichem weichen müsste. Aber meist kommt nur Investorenschnickschnack. Dagegen mag ich mein Gudes :-)

  5. Knallhart formuliert und auf den Punkt gebracht. Dein Artikel spricht mir aus der Seele! Danke auch für die vielen tollen Links.

  6. Ich finde es immer traurig wenn so alteingesessene, innhabergeführte Läden schließen. Ich verstehe auch die Vermieter mit ihrer Gier nicht, wenn die Mieterhöhung so hoch ausfällt, dass das bestehende Geschäft sich nicht mehr lohnt, dann wird die Preislage auch nicht für neue Geschäftsideen geeignet sein, höchsten für Filialen großer Marken. So wird die Berger bald nur noch aus Drogerie & Bäckerei Filialen bestehen.

  7. dafür bekommen wir dann bestimmt ganz viele tolle neue handyläden, bäckereien oder kaffeehausketten…. oder noch nen dm/rossmann. die nisten sich ein wie zecken

  8. Danke für die Erinnerung. Im Artikel der Frankfurter Rundschau kam der Wunsch der Betreiber von Video-City zum Ausdruck, die Stadtbücherei möge vielleicht die Sammlung übernehmen. Ich habe dann mal einen Antrag geschrieben, der am 3. November im Kulturausschuss behandelt wird.

    • stadtkindFFM

      Danke für den Hinweis, bin gespannt. Zusammen mit zwei Freunden habe ich gerade heute erst die Video City aufgesucht und ihnen von einem neuen Leerstand in Bornheim – ca. 1/3 so „groß“ wie die derzeitige „Video City“, die suchen ja eine neue und kleinere Bleibe – erzählt.

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