Frankfurt am Main und die Region Rhein-Main sind in diesem Jahr „World Design Capital“ – ein Titel, der alle zwei Jahre von der World Design Organisation mit Sitz in Montreal an Städte und Regionen vergeben wird, die Design erfolgreich als Werkzeug für sozialen, ökologischen, kulturellen und wirtschaftlichen Fortschritt nutzen. In der Vergangenheit ging der Titel an Turin (2008), Seoul (2010), Helsinki (2012), Kapstadt (2014), Taipeh (2016), Mexiko-Stadt (2018), Lille Métropole (2020), València (2022) sowie gemeinsam an San Diego und Tijuana (2024). Mitbekommen habe ich davon bisher noch nie etwas.
Bereits die Bewerbung um den Titel „World Design Capital“ ist mit erheblichen Kosten verbunden. Nach Angaben der WDO fällt bereits bei Einreichung der Bewerbung eine Application Fee in Höhe von 10.000 Euro an. Städte, die in die engere Wahl kommen, müssen für die weitere Teilnahme am Auswahlverfahren eine Administration Fee von 30.000 Euro entrichten, mit der die Verwaltungs- und Logistikkosten während der Evaluierungsphase gedeckt werden. Für die als „World Design Capital“ ausgewählte Stadt bzw. Region wird schließlich eine Management Fee in Höhe von 630.000 Euro fällig.
Nach Angaben des Bundes der Steuerzahler Hessen e. V. belaufen sich die Gesamtkosten des Projekts auf 16 Mio. Euro. Davon werden 14,3 Mio. Euro von den drei Hauptförderern – dem Land Hessen, der Stadt Frankfurt und dem Kulturfonds Frankfurt RheinMain – sowie den Städten und Gemeinden der Rhein-Main-Region getragen. Die restlichen 1,7 Mio. Euro kommen von Institutionen, Unternehmen und Stiftungen über Co-Finanzierungen, Sachleistungen und Spenden. Die Stadt Frankfurt erhofft sich von der WDC 2,5 Mio. Besucher*innen und schätzt, dass diese zwischen 75 und 125 Mio. Euro in der Region ausgeben werden.
Die ersten negativen Stimmen, die ich zu diesem Projekt vernommen habe, kamen genau von der Seite, von der ich sie erwartet hatte: den Marktbetreiber*innen. Diese mussten die Fläche, die sie für ein sehr homogenes Publikum donnerstags und samstags für ein paar Stunden bespielen, während der Aufbauphase räumen und sich mit einem Ersatzstandort an der Hauptwache und den angrenzenden Roßmarkt zufriedengeben. Also von einem sehr zentral gelegenen Standort zu einem anderen, ebenfalls zentral gelegenen Standort. Das ist natürlich eine Zumutung, das geht ja mal gar nicht. Und das wohlgemerkt nicht für die gesamte Zeit, in der diese Netzskulptur präsentiert wird – also voraussichtlich bis 2029 –, sondern lediglich während der Aufbauphase, welche größtenteils auch noch in die Sommerferien fiel, in denen generell weniger los ist und ohnehin nicht einmal alle Marktbetreiber*innen mit ihren Ständen vor Ort sind. Von der diesjährigen Hitze, die einen Marktaufenthalt nun auch nicht gerade einladender macht, einmal ganz zu schweigen.

Die kürzlich installierte Netzskulptur „A Sky Full of Hope – Earthtime 1.78 Frankfurt“ der Künstlerin Janet Echelman auf dem Plateau der Konstablerwache in Frankfurt soll nach Medienberichten 2 bis 2,3 Mio. Euro kosten. So weit, so normal. Eigentlich.
Man muss Kunst generell nichts abgewinnen können, aber man könnte im Verlauf des Lebens schon mal mitbekommen haben, dass im Kunstbetrieb viel Geld unterwegs ist. Hier kurz einige Beispiele dazu: Jeff Koons’ „Rabbit“ wechselte 2019 für mehr als 91 Millionen US-Dollar den Besitzer, 2022 wurde Andy Warhols „Shot Sage Blue Marilyn“ für 195 Millionen US-Dollar verkauft – eines von unzähligen Marilyn-Monroe-Porträts, die Warhol geschaffen hat, und Maurizio Cattelans „Comedian“, eine mit Klebeband an der Wand befestigte Banane, wurde 2024 für 6,2 Millionen US-Dollar versteigert. Auf dem weltweiten Kunstmarkt im Jahr 2025 wurden schätzungsweise 59,6 Milliarden US-Dollar umgesetzt. Im Vergleich zu dieser Welt von Millionär*innen und ihrem Kunsthobby erscheinen mir die 2 Mio. Euro, die eine Stadt für die technisch aufwendige, über Jahre öffentlich zugängliche und kostenlos erlebbare Präsentation einer Netzskulptur ausgibt, jedenfalls nicht als absurde Summe. Von dieser Seite aus betrachtet wird das in Frankfurt allerdings kaum; stattdessen wird in diesen Tagen auffällig häufig negativen Perspektiven mediale Aufmerksamkeit zuteil. Auch hier ein paar Beispiele: Ein Vertreter der Partei Die Linke (Frankfurt) klingt in einem Instagram-Reel wie Opa Wüterich, und spricht dabei von „2 Millionen Euro NUR für ein Kunstwerk“, in einem Kommentar der FR fragt sich der Autor unironisch, ob es nicht auch „50.000 Euro für ein großes Sonnensegel“ getan hätten und irgendein Tik-Tok-Architekt brachte die obligatorischen – *gäääääähn* – „sozialen Probleme“ an diesem Ort ins Spiel.
Eine Kontroverse über Kunst, dazu auch noch in Frankfurt, ist eigentlich etwas Positives. Problematisch wird es allerdings, wenn die Kunst selbst gar nicht mehr diskutiert wird, sondern nur noch die damit verbundenen Kosten und die Frage, wo dieses Geld denn nicht überall besser aufgehoben wäre. Das zeugt von einem etwas fragwürdigen Kunstverständnis, denn in einem solchen Weltbild sind Ausgaben für Kunst eigentlich nie angemessen, weil irgendwo immer der Schuh noch viel doller drückt. Nur kann das kein Maßstab für Kunst sein. Kunst ist nicht dazu da, allen zu gefallen, weder in dem, was sie darstellt und thematisiert, noch in dem, was sie kostet und wer dafür aufkommt. Wo waren diese „kritischen “ Stimmen eigentlich bei 58.000 Euro für Klebestreifen Tape Art & Co. auf der Hauptwache (2022)? Hat man sich auch für die Kosten der Kampagne „Gönn Dir Frankfurt“, inkl. Kunstinstallation an der Hauptwache (2025), interessiert? Wo ist das Interesse an Kosten für all die Straßenbemalungen in Bahnhofsviertel und Mainufer der vergangenen Jahre? Wieso juckt es nahezu niemanden, dass ein paar Fuzzis Geld sammeln, um ein Dach zu rekonstruieren, das kein heute in Frankfurt lebender Mensch je gesehen hat, und damit zugleich das vertraute Stadtbild für die Frankfurter*innen von heute verändert wird, während die Stadt Frankfurt diesen rechten Rekonstruktionsirrsinn auch noch mit knapp 2 Millionen Euro bezuschusst?
Ein bisschen traurig ist das ja schon, dass ganz unten auf der WDC2026-Website zur Opening Night ein „Zusätzlicher Hinweis“ darüber aufklären muss, dass das Budget nicht aus dem laufenden Kultur-Etat stammt, sondern von nicht abgerufenen Mitteln aus der Vergangenheit, deren Weiternutzung per Nachtragshaushalt ermöglicht und durch zusätzliche Mittel aufgestockt wurde. Gerichtet ist das offensichtlich an diejenigen, die befürchtet haben, dass an anderer Stelle im Kulturbereich gespart werden könnte, aber an der wesentlich häufiger geäußerten Kritik an den Kosten selbst ändert sie allerdings nichts.

Es geht aber noch weiter. Installationskünstler und Städelschule-Professor Tobias Rehberger kritisiert, dass die Künstlerin bereits viele ähnliche Arbeiten an anderen Orten auf der Welt realisiert hat. Meine Güte, seit wann ist es ein Argument gegen eine künstlerische Arbeit, dass ein*e Künstler*in eine Idee mehrfach ähnlich umsetzt? Für mich ist das noch lange kein überzeugendes Argument gegen die Arbeit hier, das ist in der Kunst doch nun wirklich nichts Ungewöhnliche. Darüber hinaus kann man bei Public Art auch nicht einfach den Ort, die unmittelbare Umgebung ausblenden, in der das Werk aufgestellt wird und nur die wenigsten Leute dürften regelmäßig in der Welt unterwegs sein, um mehrfach auf sich ähnelnden Kunstwerke zu treffen. In der Architektur ist das übrigens auch nicht anders, siehe z. B. My Zeil und Fiera Milano.
So, was hatten wir denn jetzt schon alles? Die Marktbetreiber*innen, die Kosten im Allgemeinen, die Kosten im Verhältnis zum Kulturbudget, die Frage nach einem möglichen anderen Verwendungszweck, die Ähnlichkeit zu früheren Arbeiten der Künstlerin … sonst noch was? Tatsächlich, ja.
Jetzt wird auch noch die Frage diskutiert, ob es nicht eine Ausschreibung hätte geben müssen, zumal die Direktvergabe an Janet Echelman ohne Ausschreibung und ohne Wettbewerb erfolgte. Die Stadt habe sich gezielt für diese Künstlerin entschieden, weil sie Erfahrung in der Gestaltung des öffentlichen Raums aus vielen Städten dieser Welt mitbringt. Bei der Umsetzung des Projekts soll die Künstlerin zudem auf die Zusammenarbeit mit der Agentur Markgraph bestanden haben, die ja in Frankfurt gefühlt auch überall mitmischt, sobald die Stadt Frankfurt involviert ist und mindestens eine Glühbirne zum Einsatz kommt, siehe „SkyArena“ zur Fußball-WM (2006), Gestaltung des MOMEM (2022) oder auch die „Euro Bridge“ zur Fussball-EM (2024). Eine Zusammenarbeit der beiden Parteien gab es ja auch schon, 2021, und das nicht irgendwo auf der Welt, sondern in Deutschland, auf der aus Frankfurt nach München abgewanderten IAA. So klein ist die Welt.



