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Der Zettel beim Sahnesteif

Anfang August kam bei Fein am Main ein Artikel über das Sahnsteif im Frankfurter Nordend. Wie des öfteren bei Fein am Main, weckte auch dieser Artikel mein Interesse, wie ich sowieso auch bei anderen Frankfurter Websites & Blogs sehr interessiert bin und dazu neige, vorgestellte Lokale, Gaststätten usw. dann auch aufgrund derer Berichte mal einen Besuch abzustatten- falls noch nicht bekannt. Beim Sahnesteif hat sich es bis dato noch nicht ergeben. Dennoch möchte ich mit einigen Worten darauf eingehen, was sich in den vergangenen zwei Tagen ergeben hat.

Die Frankfurter Rundschau, lange Zeit treuer Begleiter meines Lebens, hatte einen Artikel veröffentlicht der das öffentliche Interesse, zumindest das Frankfurts, weckte, denn nachdem seit einigen Monaten nicht nur das Layout (außer der Farbe grün statt rot) des Online-Auftritts an die BILD erinnert, erscheint mir, daß sich seit Umstellung des Formats der Zeitung und den Umzug nach Sachsenhausen, auch immer wieder mal der ein oder andere Artikel, auch jenseits der ‚Berichte‘ rund um die Frankfurter Eintracht, sich in die Richtung des Boulevardblattes bewegt.

„Kinder sind hier unerwünscht“ lautet die Überschrift des Artikels der FR. Der Artikel selbst ist gar nicht so lang, dennoch fasse ich kurz zusammen, daß ein Café im Stadtteil Nordend einen Zettel an die Tür angebracht hat, in dem es darauf hinweist, daß es nicht damit einverstanden ist, was zum Teil passiert, wenn sich in den Räumlichkeiten Kinder aufhalten. Grob gesagt möchte es nicht mit einem Kinderhort verwechselt werden, sondern einfach nur ein Café sein. Das war´s eigentlich auch schon. Regt sich da jetzt echt jemand darüber auf? Nicht daß es im Nordend gefühlte 100 andere Cafés gibt… Da der Artikel der Rundschau den Wortlaut des Schreibens nicht erkennen lässt, immerhin der Stein des Antosses, reiche ich hiermit ein erkennbares Exemplar nach.

Im Laufe des gestrigen Freitags tauchte die Schlagzeile „Kinder unerwünscht“ immer wieder im Netz auf und erzielte somit seine Wirkung. Eine Menge Menschen dürften sich auf die Site, die am rechten Rand einfach nur weiß ist und sonst mit derart viel Werbung versehen ist, bis zum Artikel durchgearbeitet und diesen gelesen haben.

Hier ist jetzt politische Correctness hoch zehn gefragt, denn hier geht´s um Kinder, was Schützenwerteres und Schöneres als das kann ja keine Gesellschaft hervorbringen. So viel ist mal klar. Trotzdem: Darf ich anderer Meinung sein, wenn es um die von der FR geschilderte Empörung über den Zettel an der Tür zum Café Sahnesteif geht?

Als Ur-Nordendler und immer noch (gar nicht so selten) hier umherschweifender Bewohner dieses Viertels muß ich zunächst ein mal sagen, daß das mit den „Kinderwagenkolonnen“ stimmt. Würde ich jemals die Schlagzeile „Mann von drei Kinderwagen überfahren und tödlich verletzt“ lesen, ich würde sofort an das Nordend denken. Diese Spezies neigt dazu, mit Nachdruck des Kinderwagens vor sich her schiebend einen roten Teppich für sich zu erkennen, auf dem sich kein anderer aufhalten darf und falls doch, wird auf gar keinen Fall zur Seite gegangen, selbst wenn Du Dir mit einem Kasten Getränke und zwei weiteren, vollbepackten Tüten gerade einen abschleppst und es für sie leichter wäre, kurz auszuweichen- ebenso wenig, wie wenn das Kind unendlich plärrt und jammert oder ekstatisch rumhüpft und kreischt- was kümmert die Nordend-Mama schon all die anderen Leute um sie herum? Was kümmert es die Nordend-Mama, daß das Kind irgendwie gerade nicht will oder eigentlich was anderes? Erst wird der 7-schichtige Latte mit Vanille-Flavour und Schokopulver aus 80%-igen, handgepflücktem Edelkakao auf dem Schaum ausgetrunken, soviel ist mal klar. Bam!

Ich habe das eigentliche Problem dieser Meldung mal überspitzt dargestellt. Der Platz, den die Gesellschaft den Kindern und somit auch anteilig den Müttern einräumt, empfinde ich durchaus als richtig. Was willst auch von ´nem kleinen Bub oder Mädche erwarten? Eben. Aber von den Eltern, da darf man schon etwas erwarten. In diesem Fall, daß man eben nicht alleine in einem Café ist, sondern auch andere Menschen, so ganz ohne Kinder, die auch sicher nicht 24 Stunden und 7 Tage in der Woche Zeit haben, sich eine angenehme Abwechslung zu gönnen und diese vielleicht nicht zwischen Stillen, Rumtollen, Windeln wechseln und dergleichen verbringen wollen. „Nein Kleiner, lass meine Brille auf, ich will hier mit meinem Mac Book in Ruhe surfen, beruflich weißt Du, und gehst Du bitte runter von der Tastatur, ja?“

Klar, Kinder sind vermutlich nicht so planbar, wenn sie erstmal anfangen ihre Umgebung zu entdecken, zu erkunden und einfach Spaß haben wollen. Bis zu einem gewissen Grad würde ich das auch absolut jeden abverlangen wollen, also hierfür Verständnis aufzubringen. Schlimmstenfalls einfach mal an die Zeit denken, in der man selbst jung war und dann an all die Momente denken, als man zurückgepfiffen wurde- damals, als die Eltern darauf noch wert gelegt haben, daß das Kind ‚wohl erzogen‘ in der Öffentlcihkeit auftritt. Zumindest meine. Rücksicht für Muttis und Kids ist doch kein Problem, aber umgekehrt bitte einfach nicht total den Blick vor den anderen verschließen, geben und nehmen eben.

Dem Lokal gebührt aus meiner Sicht Respekt, diesen Schritt gegangen zu sein, denn ich kann mir nicht vorstellen, daß jemand ein Café eröffnet und seine Kunden selektieren will, diese Zeiten… ach lassen wir das. Um Geld zu verdienen muß in der Regel zunächst Geld investiert werden und das Inventar sollte dann vermutlich auch einige Jahre was aushalten. Könnte mir vorstellen, daß jenes vielleicht auch eine kleine Rolle spielt- neben dem Anspruch des Cafés, allen Gästen gerecht zu werden und eben nicht primär den Muttis. Und den Papis vielleicht ja auch.

Als klüger hätte ich es jedoch betrachtet, immer wieder und wieder diese „auffälligen“ Personen zu „bearbeiten“, wenn wirklich erforderlich, bis hin zum Hausverbot oder Bewirtschaftung nur draußen. Einen Zettel für alle sichtbar an die Tür zu kleben und somit ein Problem nach außen zu tragen, halte ich für äußerst unklug, auch wenn ich durchaus Verständnis für das Anliegen habe- einige werden es nicht haben und dieses Lokal aufgrund dessen nicht mehr (obwohl sie bisher nichts ‚davon‘ mitbekamen) oder auch gar nicht erst, besuchen.

Die ganzen Kommentare unter dem Artikel bei der FR sind übrigens auch ganz nett durchzulesen. Frankfurt, Du hast echt Probleme… Mal sehen wann die FR über die massive Plakatierung der NPD an Spots wie Ratsweg, Mainufer und Miquelallee berichtet. Jedes mal wenn ich das sehe, denke ich die Parade mit dem Führer kommt gleich die Straße entlang. Ekelhaft! Plakate? Genau, Wahlen stehen von der Tür und ich ich frage mich, ob ich eigentlich der einzige bin, der keinen Schimmer davon hat, wer eigentlich was für Frankfurt will.

10 Kommentare zu “Der Zettel beim Sahnesteif

  1. Sehr gut, dass Du Dir die Mühe gemacht hast den Original-Aushang zu fotografieren & zu zeigen! – Und beschämend, dass die FR das unter dem Artikel mit der hauptsächlich wohl SEO & Aufmerksamkeitsoptimierten hetzenden Headline nicht hinbekommen hat.

  2. Roberto, einfach super auf den Punkt gebracht. Was ich bei diesem heiklen Thema nicht einfach finde.
    JA, unsere Gesellschaft braucht wieder mehr Toleranz für Kinder. Aber NEIN, das heißt nicht, dass Eltern jetzt von ihren Erziehungspflichten entbunden sind, ein neues Gesellschaftsmitglied mit entsprechenden Werten wie Respekt vor anderen Menschen & deren Eigentum zu erziehen. Das vergessen viele Eltern von heute eben auch – und als bald Mama achte ich da aktuell sehr kritisch darauf.

  3. Roberto,
    die FR habe ich schon lange gefressen. Du hast richtig erkannt: im Grunde ist es die Bild-Zeitung, bloß in grün. Über den FSV schreien die auch ständig so nen Mist, den sie mitunter selbst verzapft haben („Der FSV hat keine Fans“ – Ja, und warum nicht? Mitunter weil die versammelte Sportreporterschaft der Rundschau den Verein jahrelng totgeschwiegen hat – aber anderes Thema.)

    Genau so bin ich deiner Meinung, dass junge Muttis und Papis zunehmend der Überzeugung sind, in einer eigenen Welt zu leben, in der sie bei allem immer das vorrangigste Mitglied der Gesellschaft sind. Das spiegelt sich zum einen in der Wegenutzung wider, wie du es beschrieben hast. Denn gern stehen auch zwei Muttigs auf dem Gehweg mit ihren Kinderwagen rum, unterhalten sich und lassen dabei aber gar keinen Platz für andere Passanten. Ich habe oft genug den Eindruck, dass sich jene jungen, modernen Eltern so absolut gar nicht (mehr) darum bemühen, andere Menschen um sie herum war zu nehmen bzw. auf sie Rücksicht zu nehmen. Leider gilt das auch oft genug für ihre Kinder. Man kann den Eindruck gewinnen, dass die jungen Eltern keinen Stück ihrer Unabhängigkeit und Freiheit aufgeben wollen – ganz im Gegenteil, sie nehmen sich noch mehr als andere. Denn sie haben ja jetzt Kinder – der Freifahrtschein für alles. Die wollte man zwar gar nicht, sich um sie kümmern will man auch nicht, aber jetzt sind sie eben da.

  4. universaldilletant

    Aber trifft das nicht auf alle anderen auch zu? Handytelefonierende, die die 20% Aufmerksamkeit, die nicht auf das Gespräch über das letzte Meeting oder das letzte Einkaufserlebnis vom vormittag gerichtet, lediglich dazu benutzen aufrecht zu gehen (dabei aber nicht gucken wohin, weil sie noch den Sitz der Sonnenbrille im Schaufenster überprüfen). Autofahrende, die reichlich genervt von 13 Stunden Parkplatzsuche durch Einbahnstraßen und Spielstraßen rasen, egal ob diese beidseitig auch für Fahrräder freigegeben sind.
    Junge Frauen, die auf Fahrrädern ohnehin nicht oft das Geradeausfahren geübt haben und sich mit überdimensionalen kurzhenkeligen Taschen, die sie um ihre linke Schulter gezwängt haben nun ans Einhändig-Fahren machen.
    Testosterongeschwängerte Jungmänner, die mit ihren Cabrios nicht da parken, wo Platz ist, sondern wo das Auto besser zu sehen ist. SUV-Fahrerinnen und Fahrer, die eben 1,5 Parkplätze brauchen, und deshalb alle Welt dort parken muss, wo andere eben mit ihren Kinderwägen durch müssten, um mal die Straßenseite wechseln zu können.
    Vielleicht auch alles Ausdruck einer Gentrifizierung, die ja schon im Nordend-Magazin so schön Arschlochalarmerzeugung genannt wurde? Ein Potpourri aus EgozentrikerInnen, die jeweils die eigenen Ansprüche als die wichtigen ansehen? Und ist das Sahnesteif nicht vielleicht sogar Teil davon, wen die Eigenwerbung schon heißt:
    „Ein Café, das noch wirklich ein Café ist! In einer Zeit, in der jeder nur noch von Termindruck getrieben durch die Straßen läuft und quasi alles unterwegs zu sich nehmen muss, bieten wir endlich mal einen ruhigen Ort zur Konzentration auf das Wesentliche – nämlich auf sich selbst.“

    • Gut geschrieben unidi!

      Der Liberalismus hat gewonnen! Selbstverständlich darf man ungestört im Cafe sitzen und texten. Die Eltern, die das auch machen und gleichzeitig die Kloine dabei haben wollen sind aber problematisch? Wieso? Wir sind alle frei! Man darf bedingt Rucksicht auf die anderen nehmen, auf keinen Fall auf die nächste Generationen. Wollen Sie die Eltern was vorschreiben? Das sie sich anders verhalten sollen?

      Tatsache ist, das die Eltern die die Kinder im Cafe bringen und sie dort ein bißchen vernachlässigen, symptomatisch sind. Der Liberalismus schreibt vor, dass sie Kinder haben durfen (oder nicht haben durfen!) und dass sie ihren Kindern möglichst lang betreuen sollen. Schlecht wäre es, wenn sie die Kinder in einem Krabbelgruppe oder Kindergarten abgeben würden. Da wäre zu viel von der Staat gefragt, zu viel persönliche Freiheit verloren. Und wenn Papa schon gut verdient kann ich mir meine Elternsein richtig ausleben. Also ab ins Cafe! Nur bittesehr – die Kindern sind nicht störend, es ist Der Liberalismus.

  5. Ich muss sagen, beim ersten Lesen des Artikels dachte ich nur WTF? Sind wir wirklich schon soweit gekommen in Frankfurt und bin natürlich auch auf die FR Propaganda reingefallen.
    Das was Robert schreibt, kann ich aber nicht wirklich bestätigen. Meine Frau und ich sind eins dieser jungen modernen Elternpaare mit 2 Töchtern und wir nehmen natürlich unsere Umwelt und die darin lebenden Menschen war und natürlich nehmen wir Rücksicht auf sie. Wenn ich mir unseren Freundeskreis, Kinderladen und Krabbelstube anschaue und die Eltern dort, finde ich nicht ein einziges von dir beschriebenes Elternpaar wieder. Sicherlich gibt es sie, keine Frage, aber ich denke nicht so extrem wie du es schreibst.
    Um noch mal auf den Artikel der FR zu kommen, in diesem Laden muss es wirklich extrem zugegangen sein und dann finde ich es auch ok und konsequent von dem Betreiber diesen Schritt zu wagen.

  6. Bin eben über die Facebookseite von FFH ( http://www.facebook.com/photo.php?fbid=10150114209384684&set=a.100550789683.88696.85822949683&theater ) hier her gekommen. Ich finde es auch von den Eltern unerhört, wenn sie ihre Kinder machen lassen was sie wollen und somit keine Rücksicht auf die restlichen Gäste nehmen. Da sich dieses Szenario wohl öfter wiederholt hat, ist es für mich verständlich, dass der Laden darauf hinweist, doch bitte seine Kinder etwas zurück zu halten aus Rücksicht für die anderen Restaurantbesucher.

  7. Christoph Willecke

    Hallo, ich habe erst jetzt von der Diskussion erfahren, da ich gestern erst am Sahnesteif vorbeigegangen bin.
    Ich, Vater von 2 Töchtern, finde es schon sehr befremdlich, dass es doch immer wieder Mütter und Väter gibt, die uneingeschränkten Respekt und absolute Toleranz Ihren Kindern gegenüber erwarten. Wie kann ich etwas erwarten, was ich anderen nicht zugestehe? Oder Anders, einfach mal reinfühlen, wie es so ist, wenn einer mit seinen völlig verdreckten Schuhen über die Sitzmöbel zuhause läuft. Ach, was ich dabei vergessen habe ist, dass immer noch stets der Irrglaube besteht, dass man mit der Bestellung einer Latte Macchiato gleichzeitig das Recht erkauft hat sich wie die Axt im Walde benehmen zu dürfen. Dies gilt für die Menschen, denen es an jeglichem Bewußtsein für Respekt fehlt.
    Vielleicht noch ein ein Hinweis: Die Eltern dürfen Ihre Kinder dazu erziehen, das alles in Ordnung ist und es ein Leben ohne Grenzen geben kann. Im Gegenzug dürfen aber auch Diejenigen sich Äussern, für die das nicht in Ordnung ist.

  8. Nicht daß es im Nordend gefühlte 100 andere Cafés gibt…solln doch hier Kinder toben, warum nicht? Können die Hippster doch in 100 andere Cafés gehen mit ihren MacBooks…

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