Die Empörkömmlinge

Die Sendung „Der Apple-Check“, die Aberkennung des Dr.-Titels von Frau Schavan, Bildungs- und Forschungsministerin, und der einige Tage später erfolgte Rücktritt, das nicht deklarierte Pferdefleisch in Tiefkühlprodukten, der Rücktritt vom Papst oder auch die Sendung „Ausgeliefert“ über die Bedingungen von Leiharbeitern bei Amazon Deutschland dominierten in den vergangenen Tagen die Schlagzeilen und sorgten hierzulande für viel Gesprächsstoff und zuweilen auch für Empörung. Interessanterweise schienen hierbei die Themen Apple und Amazon intensiver diskutiert, als die Themen zum Oberhaupt von Bildung und Forschung in Deutschland und dem der katholischen Kirche.

Beim Thema Amazon entwickelte sich zudem recht schnell eine Welle der Empörung, da die Sendung Kritikpunkte am Unternehmen offenbarte. Mal wieder, denn Amazon ist nicht zum ersten mal in die Schlagzeilen geraten, wenn es um Themen hinter den Kulissen geht.

Die Welle der Empörung in Form eines Shitstorms im Web ist bereits seit einiger Zeit ein probates Mittel, um unmittelbar ein Feedback an den „Verursacher“ loswerden zu können. Unabhängig des Qualitätsspektrums in dem dieser i.d.R. erfolgt, führte diese Art mittlerweile immer öfter zu Reaktionen und Änderungen und bestätigt, dass Protest weiterhin richtig und immer wichtig ist. Auch dann, falls das mal nicht mit den eigenen Positionen und eigenem Weltbild übereinstimmt. Die Tatsache, dass sich viele Menschen zu einem Thema positionieren und auch echauffieren sollte man niemals unterschätzen, egal ob sie in Shitstorm-tauglichen-Massen oder auch mal „nur“ vereinzelt daherkommen.

Wenn ein Thema eskaliert, bedarf es unabhängig der bisher eingenommenen Position immer eines Updates. Was in der Vergangenheit z.B. akzeptabel war, beruht auf Bewertungen aus der Vergangenheit die mittels Kriterien aus vergangenen Zeiten entstanden. Bestenfalls bestätigt sich einfach nur die eigene Position, schlimmstenfalls sollte man sich mit einigen Änderungen auseinandersetzen, so wie man es auch oftmals im Alltag handhabt, spätestens wenn sich etwas wiederholt. Der schlechte Service oder das schlechte Essen im Laden X. Die lange Wartezeit auf die Bedienung im Laden Y. Das Suchen nach Personal im Laden Z. Macht man einmal mit. Macht man zweimal mit. Ein drittes mal auch noch? Eher nicht. Wie heißt es hier doch gleich nochmal? Einmal ist keinmal und zweimal ist einmal zu viel. Wer was auf sich hält, thematisiert den Anlass zur Kritik direkt am Ort des Geschehens, andere meiden die direkte Konfrontation und legen sich Gründe zurecht, warum sie ihren Unmut daheim via E-Mail kundtun. Oder trumpfen groß in Bewertungs-Portalen auf. Was dennoch alle Herangehensweisen vereint ist das Interesse an einer Besserung der Situation, auch wenn die Verärgerung dominiert und Anlass für die Kontaktaufnahme ist. Die Zeit, die darin investiert wird, ist ein Indiz dafür, dass ein Wunsch nach einer Verbesserung der Situation besteht. Würde man außerdem der Meinung sein, dass das alles nichts bringt, würde man a)  sicher nicht diese Zeit in b) ein Feedback c) an die betroffene Firma investieren.

Potential für Kritik besteht vermutlich bei genauerem Hinschauen immer und überall. Wird sie erkannt und generiert Mitstreiter verfehlt sie i.d.R. auch nicht ihre Wirkung, auch wenn das mancherorts ernsthaft in Frage gestellt wird und im Falle vom Amazon-Shitstorm sogar versucht wird, jenes anhand von Facebook-Likes zu belegen, lol.  Wohlgemerkt in Zeiten, wo sogar die BILD-Zeitung im Rahmen ihrer Dschungelcamp-Berichterstattung vor einigen Wochen das Thema der käuflichen Likes für sich entdeckte und groß auf ihrer Titelseite präsentierte. Wahrlich eine schlechte Grundlage seine Argumentation darauf aufzubauen. Und ist es nicht die Käuflichkeit, ist es einfach nur Interesse. Ich selbst müsste mittlerweile auf Facebook über 1.000 mal auf ‚Gefällt mir‘ gedrückt haben, Nicht weil mir so viel Seiten gefallen, sondern weil ich mir einen Infostream zurechtgeklickt habe. Amazon gehört seit eh und je nicht dazu, wie allerdings auch andere große Handelshäuser. Für einen Moment jedoch dachte ich daran es zu liken, um den aktuellen Entwicklungen zu diesem Thema ab besagtem Abend der Ausstrahlung der Sendung „Ausgeliefert“ besser folgen zu können. Auf ‚Gefällt mir‘ drücken hat ähnlich der ‚Fav‘-Funktion auf Twitter, längst nicht mehr nur diese eine Funktion. Ein virtueller Fan ist also a) nicht zwangsläufig dem Geliketem positiv zugewandt und b) auch nicht per se ein williger Konsument.

Würde man sich aber dennoch auf diese Art der Argumentation herablassen und den unmittelbaren Anstieg der Likes als ein Pro-Amazon-Verhalten werten (also Leute die ein Unternehmen erst liken, wenn es so agiert, wie im TV-Bericht, seriously?) frage ich mich, warum die Anzahl der Unmutsäußerungen im Gegenzug nicht als Währung akzeptiert werden? Umsatzzuwächse bei Unternehmen soll es Gerüchten zufolge bereits im Zeitalter vor dem Internet gegeben haben und in Zeiten wie heute eine Kausalität zum Zuwachs der FB-Fans herzustellen bedarf einer eigentlich schon beneidenswerten Fantasie.

Steigender Umsatz trotz wiederkehrender Kritik an ein und dem selben Unternehmen als Indikator für die Sinnlosigkeit eines Shitstorms aufzuführen ist auch eher unnütz, denn:

  • a) der Gewinn ist der entscheidenden Faktor und nicht der Umsatz, der kann nämlich auch ziemlich teuer erkauft werden,
  • b) es werden keine Zahlen zum Vergleich von 2011 genannt, sondern nur die von 2012, und diese zudem unvollständig (siehe a)) und
  • c) vermutlich hat auch nicht jeder immer alle (inhaltlich gleichen?) Beiträge zu diesem Thema in Print, Web und TV vernommen, als dass man die Wiederholung des Themas daraufhin kritisieren müsste, dass sich ja doch bisher nie etwas änderte.

In Zeiten des Raubtierkapitalismus würde es mich jedoch nicht wundern, wenn die Kurve dennoch Jahr für Jahr nach oben zeigt. Ob diese jedoch aus dem operativen Geschäft erzielt wurden, durch Einsparungen an allen Ecken und Enden oder anderen Faktoren wissen wir Konsumenten freilich nicht. Eine Gewinnsteigerung vorausgesetzt bleibt dennoch die Frage, ob ein Gewinn in Höhe von z.B. 10% nicht auch 10,4% hätten sein können, wenn nicht diese ständigen Negativ-Schlagzeilen gewesen wären. Vielleicht hat ja Apple im letzten Quartal die Erwartungen den Analysten auch nur knapp verfehlt, weil die Berichterstattungen zu den Produktionsbedingungen bei Foxconn auf Dauer dann doch den einen oder anderen in die Arme anderer Schmieden getrieben hat, wo es doch jetzt auch brauchbare Alternativen zu geben scheint (die natürlich schon längst vorher auch auf dem Markt waren).

Die Wirksamkeit eines Shitstorms mit einer Revolution gleichgesetzten, also dass sich hier, jetzt und sofort alles zu ändern hat, sehe ich auch im Klicki-Klicki-Zeitalter nicht, geschweigedenn, dass jenes die einzige Möglichkeit wäre, den geschilderten Negativ-Ereignissen entgegenzutreten, sofern man diesbezüglich aktiv werden möchte. Generellen Kauf-nicht-mehr-dort-ein-Empfehlungen stehe ich persönlich prinzipiell sowieso eher skeptisch gegenüber, manche Lektionen sollte die Menschheit aus der Vergangenheit dann doch gelernt haben. So könnte ich beispielsweise weniger einkaufen und was in meiner Nähe zu erwerben ist, kaufe ich eben hier ein. Ich muss ja nicht nach dem Alles-oder-Nichts-Prinzip handeln. Ich könnte nur die 5€ Download-Alben kaufen, aber Bücher oder andere Produkte woanders online oder auch gerne auch offline, in der Stadt, kaufen. So bräuchte ich mich auch gar nicht darüber zu ärgern, wenn meine Bestellungen nicht zugestellt werden konnten, auf der Post abgeholt werden müssen, beim Nachbar drei Häuser weiter abgegeben wurden, die Packstation wiedermal abfuckt oder ich trotz Zuzahlung eines Schicks-mir-noch-schneller-Services nicht innerhalb des versprochenen Zeitfensters beliefert werde. Ich wohne glücklicherweise in einer Stadt und kann so auf viel Online-Shopping verzichten.

Aktuell haben sich Ministerpräsident Volker Bouffier, die Arbeitsministerin von der Leyen und sogar die hessischen Arbeitsagenturen bei diesem Thema „eingeschaltet“. Kann man von halten was man will, gerade bei diesen Politiker/innen und Institutionen, aber auf jeden Zug springen die nun ja wieder nicht auf, erst recht nicht nach jedem kritischen Beitrag der im TV gesendet wird. Und dass Amazon selbst auch die Vorwürfe prüfen will, erscheint im ersten Moment vielleicht skurril, ist es aber nicht, denn ab einer gewissen Größe des Unternehmen, hat man einfach nicht mehr alles (permanent) auf dem Schirm und gibt viele Themen aus den Händen, auch an externe Dienstleister. Und wenn hier und da die Zustände kontrolliert werden oder „Besuch von oben“ kommt, ist dies zumeist angekündigt, so dass sowieso immer nur die sunny side up präsentiert wird.

Eines ist jedenfalls klar: Protest wird immer von unschätzbarem Wert sein.

2 Kommentare zu “Die Empörkömmlinge

  1. Ich glaube, Amazon ist eh nur die Spitze des Eisbergs. Wie ich an anderer Stelle schon erwähnte: Bei dem Apple-Bericht hatte ich nicht den Eindruck, dass die Welle so hoch geschlagen ist, wie jetzt. Auch glaube ich, dass gerade die teilweise undurchsichtigen Strukturen großer Konzerne (der Rosa Riese, der Konzern der Dauernden Betriebsstörungen, sämtliche Autohersteller und natürlich auch andere, international agierende Konzerne) ebenfalls viele Leichen im Keller verbergen.
    Klar ist Protest richtig & wichtig, ich denke jedoch, dass der Faktor Zeit hier den Unternehmen in die Hände spielt (die Menschen sind so vergesslich).
    Und ich glaube auch, dass der Buzz um Amazon auch für eine weitere Steigerung der Bekanntheit sorgt. Getreu dem Motto There is no such thing as bad publicity.

    • Sicher, zu großer Aufmerksamkeit kommt es oftmals ja nur bei den ganz großen Unternehmen, in diesem Fall eben Amazon. Diese „Bad Publicity“-Sache war und ist für mich jedoch nur eine typische Marketing-Mär, die es gewohnt ist, Dinge, „bestenfalls“ sogar Versäumnisse, noch gut verkaufen zu müssen. Ich finde, dass das „Shitmanagement“ kriegsentscheidend ist. Widesprechen, rumeiern, lamentieren, auf die lange Bank schieben etc… vs. schnell reagieren und handeln. Für Letzteres scheint sich Amazon ganz aktuell entschieden zu haben und trennt sich vom Sicherheitsdienst. http://www.hr-online.de/website/rubriken/nachrichten/indexhessen34938.jsp?rubrik=36094&key=standard_document_47569191

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