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Graffiti-Jugendkultur: Legal-illegal?

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In der Naxos-Halle im Frankfurter Ostend wurde heute über die „Jugendkultur“ Graffiti gesprochen. Die SPD-Fraktion lud ein zum Forum Zukunft Frankfurt und ca. 50 bis 60 Besucher folgten dieser Einladung.

Prof. Heiner Blum von der HfG in Offenbach ist pro Graffiti und bezeichnete Graffiti als Herzschlag urbaner Kultur. Wenn er unterwegs ist , so ließ er wissen, und keinerlei Graffiti sichtet, fragt er sich „hier ist doch irgendwas nicht in Ordnung“.

Er mag nicht, daß es prinzipiell nur die üblichen Räumlichkeiten gibt, die er „weiße Räume“ (Museum, Kunstverein usw.) nennt, die zur Darstellung und Ausstellung von Kunst vorgesehen sind. So würde diese Kunstform auch an solchen Orten nicht so funktionieren, wie es funktioniert, wenn ihr den Wurzeln entsprechend „im Dunkeln, auf der Straße, illegal“ nachgegangen wird. In der Vergangenheit übte man sich schon daran, Graffiti ins Museum zu bringen – offenbar nicht wirklich erfolgreich. Blum sprach sich eindeutig dafür aus, diese Subkultur nicht zu überlegalisieren, es brauche auch keine Graffitikurse von Jugendämtern und dergleichen.

Er weiß, daß diese Künstler sich den Raum einfach nehmen den sie brauchen und wollen, ob aus Idealismus heraus oder aus Mangel an legalen Alternativen, denn warum sollen irgendwelche Firmen hässliche Werbeplakate in der Stadt (öffentlicher Raum) zur Schau stellen dürfen und andere, als Individuum, nicht? Klar, da fließt Geld, aber muss da, wo keines fließt, dann gleich ein Strafbestand daraus gemacht werden, wenn die Flächen eine andere Verwendung finden?

Justus Becker ergriff nicht ganz so oft das Wort. Was mir in Erinnerung blieb, ist daß er festgestellt hat, daß Graffiti heute zwar weiterhin präsent ist, aber dies jedoch deutlich weniger als früher. Im Gegensatz zu Blum, der recht oft dieses Kommerz/ Nicht Kommerz-Legal/Nicht-Legal- Dingsibumsi bemühte, ist er ein Befürworter von legalen Flächen für Graffiti .

Als Vertreter für die Stadt Frankfurt am Main ging Gerhard Altmeyer, Abteilungsleiter vom Hochbauamt, ins Rennen und somit zuständig, für das Entfernen von Graffiti. 250.000€ pro Jahr werden dafür jährlich aufgebracht. Die Moderatorin dieser Runde, die kulturpolitische Sprecherin der SPD-Franktion, Dr. Renate Wolter-Brandecker, fragte frech nach, ob denn seine Tätigkeit Sinn mache. Denn: Graffiti da, Graffiti wegmachen, Graffiti wieder da… Genau da scheint aber ein kleiner Kampf stattzufinden oder er wird es noch, denn er ließ verlauten, daß man einem früheren Beispiel New Yorks nachgehe, als man kon-se-quent über vier Jahre alles sofort entfernte, was zur Folge hatte, daß die Graffiti deutlich zurück gingen. Bemängeln tat er, daß leider auch diverse Denkmalgeschützte Gebäude, zum Teil auch trotz Hinweise, nicht verschont blieben, denn jedes Entfernen mit Reinigungsmitteln von Graffiti ist auch ein Substanzverlust eines denkmalgeschützten Gebäudes.

Frau Hildegunde Rech aus Wiesbaden zeigte auf, daß obwohl die Initiative nicht von der Stadt Wiesbaden ausging, ein Zusammenschluß beider Parteien möglich sei und überhaupt scheint Wiesbaden in diesem Thema, wie ansatzweise allerdings auch andere Städte um Frankfurt herum, liberaler und kooperativer zu sein, und bezeichnete die Graffitiszene als Geschenk für die Stadt. Frankfurt sollte hier wirklich mal ansetzen und statt auf das alte New York-Modell zu schauen, einfach mal bei den Nachbarn schauen, wie man das (weitestgehend) zur Zufriedenheit aller unter einen Hut bringen kann. Bei ihr hat man gemerkt, daß sie sich wirklich mit diesem Thema auseinander gesetzt hat und den Menschen die damit zu tun haben, zugehört hat. Aus Frankfurt hieß es „ich habe auch mal vorher im Internet geschaut, habe diesen Graffitiwürfel (Hendrick Docken war auch im Publikum) gefunden oder bin auch auf die Kollektive Offensive gestoßen.“ Zu deutsch: Wegmachen- das ist der Job, aber sich mal ernsthafter und interessierter damit auseinander zu setzen war bisher wohl nicht drin. Er verwies mehrmals darauf, daß er als Vertreter der Stadt mit einer bestimmten Funktion zu Gast bei dieser Veranstaltung sei.

Auch das Publikum durfte mit diskutieren und von Klark Kent wurde ausdrücklich der Wunsch geäußert, „nicht alle“, also die Graffitikünstler, „in einen Topf zu werfen und da doch bitte zu differenzieren.“ Das würde der Politik, aber nicht nur der, generell gut tun, weniger zu pauschalisieren.

Etwas Konkretes oder Greifbares für die Zukunft ist natürlich nicht dabei herausgekommen, aber man wünscht es sich schon, daß sich Frankfurt einfach mal eine Spur lockerer macht, statt sich zu wappnen und alles schöner, heller, höher, klarer, sauberer zu machen.

2 Kommentare

  1. Dien Zeiten in der man über derartige Themen diskutieren sollt, sind seit locker 20 Jahren vergangen. Das Forum sollte nicht fragen, sondern der zugegebenermaßen selbsternannten Lobbies (den es gibt derer mittlerweile einige: siehe Einwandfrei FFM, Brückenköpp MZ, Kontext WI,) von Graffitiwriting, Street Art zuhören und diese in einen Kontext einbinden. Ich selbst wurde angefragt die Diskussion zu besuchen. Ich fragte mich ernsthaft wofür? Andere Städte haben Graffiti als Bereicherung längst erkannt. Frankfurts null Toleranz Politik, die ich nur als VogelStrauß Taktik bezeichnen kann, wird die Tatsache nicht gerecht, daß die moderne Variante des Graffiti und Gestaltung im urbanen Raum – sei es Kunst oder was auch immer, es ist jedenfalls menschlicher Ausdruck – seit weit über 40 Jahren existiert und nach wie vor in FFM unter Jugendkultur gehandhabt wird. Auch hier täte eine Differnzierung Not.

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